24 de ago. de 2011

Fritz Jahr - Bio-Ethik - texto original transcrito


KOSMOS
Handweiser für Naturfreunde
und Zentralblatt für das
Naturwissenschaftliche bildungs- und Sammelwesen
Herausgegeben vom
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart
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24. Jahrgang 1927
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Franckh’sche Verlagshandlung in Stuttgart

Die scharfe Scheidung zwischen Tier und Mensch, die seit Beginn unserer europäischen Kultur bis zum Ende des 18. Jahrhunderts herrschend war, kann heute nicht mehr aufrecht erhalten werden. Die Seele des europäischen Menschen rang biz zur französischen Revolution um die Einheit von religiöser, philosophischer und wissenschaftlicher Welterkenntnis, aber diese Einheit haben wir seitdem unter dem Druck der Erkenntnisfülle aufgeben müssen. Es wird stets das Verdienst der modernen Naturwissenschaft bleiben, daß sie eine vourteilslose Betrachtung des Weltgeschehens erst möglich gemacht hat. Wir würden uns heute als Wahrheitssucher aufgeben, wenn wir die Erfolge der Tierexperimente, Blutversuche, Serumsforschung u. v. a. ablehnen wollten. Anderseits dürfen wir nicht vergessen, daß gerade diese wissenschaftlichen Triumphe des Menschengeistes dem Menschen selbst seine beherrschende Stellung im Weltganzen genommen haben. Die Philosophie, die früher der Naturwissenschaft ihre Leitgedanken vorschrieb, mußte nun selbst ihre Systeme auf naturwissenschaftlichen Einzlerkenntnissen aufbauen, und es war nur eine dichterphilosophische Formulierung de Erkenntnis Darwins, wenn Nietzsche den Menschen als ein recht minderwertiges Übergangsstadium zu einer höheren Entwicklung, als ein “Seil gespannt zwischen Tier und übermensch” ansah.Was folgte aus dieser Umwälzung? Zunächst die grundsätzliche Gleichstellung von Mensch und Tier als Versuchsobjekt der Psychologie. Diese beschränkt sich heute nicht mehr auf den Menschen, sondern arbeitet mit denselben Methoden auch auf dem Gebiet des Tierischen, und wie es eine vergleichende anatomisch zoologische Forschung gibt, so werden auch höchst lehrreiche Vergleiche zwischen Menschen und Tierseele angestellt. Ja, sogar die Anfänge einer Pflanzenpsychologie machen sich bemerkbar, - die bekanntesten ihrer
Vertreter sind: G. Th. Fechner in der Vergangenheit. R. H. Francé, Ad. Wagner und der Inder Bose in der Gegenwart, sodaß die moderne Psychologie alle Lebewesen in den Bereich ihrer Forschungen zieht. Unter diesen Umständen ist es nur folgerichtig, wenn R. Eisler zusammenfassend von einer Bio-Psychik (Seelenskunde alles Lebenden) spricht. Von der Bio-Psychik ist nur ein Schritt bis zur Bio-Ethik, d. h. zur Annahme sittlicher Verpflichtungen nicht nur gegen den Menschen, sondern gegen alle Lebewesen. Sachlich ist die Bio-Ethik durchaus nicht erst eine Entdeckung der Gegenwart. Als ein besonders anziehendes Beispiel aus der Vergangenheit dürfte uns gerade jetzt die Getalt des hl. Franz von Assisi (1182- 1226) mit seiner großen Liebe auch zu den Tieren in der Erinnerung aufsteigen, der in seiner warmen Sympathie für alle Lebewesen der Rousseauschen Schwärmerei für die ganze Natur um Jahrunderte voraneilte. Als die Einheit der europäischen Weltanschauung gegen Ende der Barockzeit zerbrach, war das europäische Geistesleben auch zum erstenmal in der Lage, fremde Gedankenwelten vorurteilslos auf sich wirken zu lassen. Schon Herders umfassender Geist, der für kommende Dinge damals vielleicht die feinste Witterrung hatte, erwartete vom Menschen, daß er sich nach dem Vorbild der alles mit ihrem Gefühl durchbringenden Gottheit in jedes Geschöpf versetzen und in dem Maße mit ihm empfinden könne, als das Geschöpf es bedarf. Dieser Gedanke erinnert schon ganz an die indische Geisteswelt, die gerade damals von England aus entdeckt wurde. Aber erst in der Romantik hat Indien das europäische Geistesleben, und damals seine bedeutendste Provinz Deutschland, wirklich befruchtet. Die in Indien ausgebildete Lehre von der Seelenwanderung hat auch das Denken der indischen Phisolophenschulen, vor allem die Sankhyaschule beinflußt. Von dieser Schule trennte sich die Yogalehre ab, die die schärfsten Foglerungen aus diesen Gedankengängen zieht. Der Yogabüßer soll unter keinen Umständen auf kosten seiner Mitgeschöpfe leben; er soll vor allem keine Tiere töten, aber auch Pflanzenkost nur unter gewissen Voraussetzungen genießen. Er muß ein Tuch vor dem Mund tragen, um beim Einatmem kein noch so kleines Lebewesen zu vernichten; aus demselben Grund muß er das Trinkwasser filtrieren und darf nicht baden. Die Sucht, keinem Lebewesen bei der Selbsterhaltung zu schaden, führt auch noch heute gewisse indische Büßer dazu, sich von Pferdemist zu nähren. Wenn in diesem Zusammenhang natürlich auch Buddha genannt werden muß, so muß doch betont werden, daß gerade von diesem Religionskünder die fanatischen Selbstschädigungen der Yogaschule abgelehnt wurden. Buddha verbietet den Genuß tierischer Lebensmittel, läßt dagegen Pflanzenkost in weitem Umfang zu. Wie Buddha selbst und seine Lehre vom Glauben her Seelenwanderung durchdrungen war, zeigt für uns Europäer wohl am schönsten die Sammlung der Jatakas, der buddhistischen Märchen, die Buddha in den Mund gelegt werden, und in denen er Geschichten aus seiner früheren Lebenszeit erzählt. Nicht nur als Mensch will er schon gelebt haben, sondern er weiß auch von Daseinsformen zu berichten, in denen er ein Elefant, eine Gazelle, ein Krebs usw. gewesen sein will. Noch schöner als Franz von Assisi ist in diesen Geschichten der Gedanke ausgesprochen, daß der Mensch mit allen Geschöpfen wesensverwandt sei. Diese Gedankeneihen lösten im europäischen Geistesleben seit der Romantik verwandte Gedanken aus, wenn auch natürlich zunächst nicht in dieser schroffen Form. Der Theologe Schleiermacher (1768- 1884) erklärte es für unsittlich, daß Leben und Gestaltung, wo sie schon sind, also auch beim Tier und bei der Pflanze, zerstört werden, ohne daß vernünftiger Zweck damit verbunden sei. Desgleichen fordert der Philosoph Krause, ein Zeitgenosse Schleiermachers, daß jedes Lebewesen als solches zu achten sei und zwecklos nicht zerstört werden dürfe. Denn sie alle, die Pflanzen und die Tiere, ebenso wie der Mensch, seien gleichberechtigt, allerdings nicht zu gleichem, sondern ein jedes nur zu dem, was ein notwendiges Erfordenis zur Erreichung seiner Bestimmung sei. Offen beriefe sich auf die indische Gedankenwelt der Philosoph Schopenhauer, der es als einen besonderer Vorzug seiner Ethik ansah, ihre Haupttriebfeder, das Gefühl des Mitleids, auch für das Tier gefordert zu haben. Durch Richard Wagner, der von Schpenhauer stark beinflußt ist und ein Leidenschaftlicher Tier und Tierschutzfreund war, sind diese Gedanken für breiteste Kreise Allgemeingut geworden. So ist uns in bezug auf das Tier die sittliche Forderung längst eine Selbstverständlichkeit geworden, wenigstens in der Forma, es nicht nutzlos zu quälen. Anders ist es schon mit den Pflanzen. Daß wir auch gegen diese gewisse ethische Pflichten haben, dürfte manchem im ersten Augenblick als widersinnig erscheinen. Aber schon ein Paulus lenkte unser Mitgefühl auch auf Tiere und Pflanzen. Ein Gegenstück dazu sind die verklärt stimmungsvollen Ausführungen im 3. Akt von Richard Wagners Pasifal. Zu frommer Huld schont der Mensch wenigstens am Karfreitag Halm und Blume auf der Au mit sanftem Schritt, um sie nicht zu verletzen. Aber auch in den pflanzengenethischen Überlegungen eines so nüchternden Philosophen, wie es der vor 20 Jahren verstorbene Ed. von Hartmann war, finden wir verwandte Gedanken. In einem Aufsatz über den Blumenluxus schreibt er von einer gepflückten Blüte: “Sie ist ein zum Tode verwundeter Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, ein noch lebendes und lächendes Haupt, das von einem Rumpf getrennt ist. – Wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht eines Buketts geflochen sehe, so kann ich mich des widerwärtigen Gedankens nicht erwehren, das herzlos genug ist, den unnatürlichen Tod unter dem Schein des Lebens nicht herauszufühlen“. So fein empfindend wie Ed. von Hartmann, ist die große Menge natürlich nicht. Jeder weiß zwar,daß sie dies auch verspüren könne, liegt uns völlig fern. Soweit ist das Bewußtsein von einer Pflanzenseele noch nicht in uns vorgedrungen. Zudem wissen wir, daß die Blumen auch an der Pflanze selbst verwelken und verdorren, und deshalb findet man an dem Abschneiden von Blumen, namentlich wenn sie zu diesem Zweck herangezogen worden sind, nichts auszusetzen. Wir gehen dabei von ganz anderen Voraussetzungen aus als die indischen Schärmer, die überhaupt kein Lebewesen antasten wollen. Auch unsere gesetzlichen oder polizeilichen Bestimmungen über den Schutz einzelner Pflanzen oder Blumen in einer bestimmten Gegen (z. B. der Alpenpflanzen) beruhen auf einer ganz anderen Anschauung: Der Polizeistaat will die betreenden Pflanzen schützen, damit sie in der Gegend nicht vernichtet werden und später auch noch andere Menschen erfreuen können. Wo eine Pflanze in ausreichender Menge vorhanden ist, denkt der Staat gar nicht daran, sie um ihrer selbst willen zu schützen. Auch unsere Anschauung vom Tierschutz beruht auf einer wesentlich anderen Grundlage als das Verhalten der Inder. Wenn wir in dem Roman von Richard Voß „Der heilige Haß“ lesen, wie ein Rodyia-Knabe, also ein Angehöriger einer verachteten Kaste, selbst eine giftige Schlange nicht töten will, weil „auch die Schlangen unsere Brüder und Schwestern sind“, so haben wir für dieses Empfinden kein Verständnis, und wir halten es sogar für unsere Pflicht, schädliche Tiere zu töten, wenn wir können. Wir lassen auch Haustiere vom Schlächter töten oder harmloses Wild vom Jäger erlegen, weil wir Fleisch essen wollen, das manche Leute in unseren Gegenden nicht entbehren zu können glauben, während in tropischen Ländern Pflanzliche Nahrungsmittel in überreicher Fülle zur Verfügung stehen. Unser Tierschutz findet also eine Grenze an einem Nützlichkeitsgesichtspunkt, über den sich der Inder kühn hinwegsetzt, und wir begnügen uns damit, wenigstens unnütze Tierquälerei zu vermeiden. Leider reichen noch bei weitem nicht in allen Kulturländern die gesetzlichen Bestimmungen zur „Verhütung oder Bestrafung solcher Quälereien aus. Aber wir sind noch auf dem Wege des Fortschritts, und der Tierschutz gewinnt in immer weiteren Kreisen Raum, so wie es ja auch kein anständiger Mensch widerspruchslos ansieht, wenn irgendein Flegel gedankenlos Blumen am Wege mit dem Spazierstock köpst oder wenn Kinder Blumen abreißen, um sie nach wenigen Schritten achtlos wegzuwerfen. Unsere Selbsterziehung hat in dieser Hinsicht schon wesentliche Fortschritte gemacht, aber wir müssen es noch so weit bringen, daß als Richtschnur für unser Handeln die bio-ethische Forderung gilt: Achte jedes Lebewesen grundsätzlich als einen Selbstzweck, und behandle es nach Möglichkeit als solchen!

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